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Seitenstechen
Veröffentlicht von Dominique Studerus in Rund um den Sport • 02.05.2010 16:58:40
Mit Sicherheit kennen Sie das Gefühl: Sie laufen ein wenig, mal weiter, mal schneller und manchmal auch nur ganz kurz, aber intensiv. Und auf einmal jagt Ihnen ein Schmerz in die Seite, der Ihrem sportlichen Vergnügen dann oft ein Ende setzt. Sie probieren zwar zunächst, durch ruhiges Atmen, Gehpausen oder Stretchen dem Ziehen entgegenzuwirken, müssen aber dann einsehen, dass das Ziel für Sie heute unerreichbar ist. Seitenstechen scheinen manchmal der größte Gegner zu sein...

Auch Haile Gebrselassie, der zur Zeit erfolgreichste Marathonläufer und Weltrekordhalter, musste die Langstrecke 2007 in London wegen Seitenstechen abbrechen. Sie sehen: Nicht nur Anfängern wird der Schmerz unterhalb des Rippenbogens zum Verhängnis.

Was sind Seitenstiche?
Wie bekommt man sie?
Das Zwerchfell als Problemzone.
Wie kann man vorbeugen? > In unserem Trainingstipp
Was sind Seitenstiche?

So viele Menschen das Seitenstechen auch betrifft eine einheitliche wissenschaftliche Erklärung gibt es (noch) nicht für sie. Von 1951 bis zum Jahr 2000 wurden in der medizinischen Fachliteratur keine Daten zu diesem Phänomen veröffentlicht.

Das Problem bei der Suche nach dem Ursprung der Seitenstiche liegt darin, dass es sich um ein sehr kompliziertes Phänomen handelt, das mit normalen experimentellen Methoden nur schwer zu untersuchen ist.



Seitenstiche – warum bekommen wir sie?

Im Rahmen von Studien wurden epidemiologische (beobachtende) Techniken dazu verwendet, die kausalen Faktoren sowie die Verbreitung von Seitenstichen herauszufinden. So ergab eine Studie mit nahezu 1.000 regelmäßig Sport treibenden Personen in Australien, dass die Verbreitung von Seitenstichen mit zunehmendem Alter abnimmt, und dass weder Geschlecht noch Trainingsstand Seitenstiche zu beeinflussen scheinen. Darüber hinaus stellten die Forscher fest, dass Seitenstiche häufig mit Schmerzen in der oberen Schulter einhergehen; die obere Schulter ist eine Stelle für weitergeleitete Zwerchfellschmerzen (ähnlich wie bei Menschen, die Schmerzen im linken Arm verspüren, wenn sie einen Herzanfall haben, werden Schmerzen in der rechten Schulter mit einem Problem des Zwerchfells assoziiert). In einer anderen Studie derselben Forschungsgruppe wurden Teilnehmer beim Laufen, Schwimmen, Radfahren, Aerobic, Basketball und Reiten verglichen. Die Autoren stellten fest, dass Seitenstiche am häufigsten in den Sportarten auftreten, bei denen eine sich wiederholende Bewegung des Oberkörpers gemacht wird. Diese Bewegungen werden dann entweder vertikal (z. B. beim Laufen und Reiten) oder durch eine Längsachsenrotation (z. B. Schwimmen) vollzogen.

In einem separaten Teil der Studie führten die Probanden, nachdem die Seitenstiche eingesetzt hatten, eine Reihe von Verhaltensmaßnahmen durch, um die Intensität der Seitenstiche abzuschwächen.

Davon waren die effektivsten:

Vorwärtsbeugen und gleichzeitiges Anspannen der Bauchmuskeln oder Festziehen eines Gürtels um die Taille
Atmen durch gespitzte Lippen mit einem größeren Atemvolumen.
Was sagt uns das über die Ursachen von Seitenstichen?
Die Tatsache, dass Seitenstiche am häufigsten bei Sportarten auftreten, die stauchende und/oder drehende Bewegungen des Oberkörpers einschließen, legt nahe, dass sie mit der Bewegung der inneren Körperorgane verbunden sind und vielleicht Faktoren involvieren, die für die Aufrechterhaltung einer stabilen Haltung zuständig sind. Die Schmerzen in der oberen Schulter deuten darauf hin, dass die Zwerchfellmuskeln eine Rolle bei Seitenstechen spielen, während die Tatsache, dass diese verstärkt auftreten, wenn zuvor Essen oder Flüssigkeit aufgenommen wurde, auf eine Beteiligung der Organe hinweist, die in der Nähe des Zwerchfells liegen (Magen und Leber). Nach allem, was wir bislang wissen, kann man also sagen, dass der Schmerz wahrscheinlich vom Zwerchfellmuskel ausgeht.



Das Zwerchfell als Ausgangspunkt der Seitenstiche und Ansatzpunkt der Prävention

In seiner Funktion als Stabilisatormuskel wird das Zwerchfell unbewusst während der Vorbereitungsphase der meisten Bewegungen der Gliedmaßen aktiviert. Dabei erhöht es den Druck im Inneren des Abdomens, was zur Verbesserung der Rückgratstabilität beiträgt. Wenn man still steht ist diese Belastung kein Problem, aber beim Training wird das Zwerchfell zusätzlich beansprucht, da es schwerer atmen muss und durch die Bewegungen der umliegenden großen Organe hin- und hergeschaukelt wird. Nimmt man diese beiden Anforderungen zusammen, wie dies beim Laufen der Fall ist, ist es vorstellbar, dass das Zwerchfell „überlastet“ wird.

Zusammenfassend: Das Zwerchfell ist ein wichtiger Stabilisatormuskel und Hauptmuskel für die Atmung und wird während der sportlichen ausdauernden Bewegung in beiden Aufgaben verstärkt beansprucht. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen von Natur aus schlechte und ineffiziente Atmer sind, denn verlassen sich auf den Automatismus des Atmens und schenken den Muskeln, die dazu benötigt werden, keine Beachtung. Von den vielen an der Atmung beteiligten Muskeln ist das Zwerchfell bei weitem der größte, stärkste und müdigkeitsresistenteste. Dementsprechend ist das Zwerchfell der Muskel, der den Löwenanteil beim Atmen leisten sollte – und nicht die Brustkorbmuskeln!


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